Missing Link

Menschen-Bilder in der Fotografie
Austellung Kunstmuseum Bern, 1999





 
 

   
Marion Strunk, embroidered images, N.Y., 1999        

Katalog zur Ausstellung, darin: Mediatisierung,
zu Arbeiten von Marion Strunk


Elisabeth Bronfen
Verstrickungen aller Art

Sie sind in das Guggenheim Museum in New York gegangen, weil sie sich davon den Genuss der Bildbetrachtung versprochen hatten. Nun stehen sie auf der schräg nach oben kreisenden Galerie. Von oben bricht helles Licht in den offenen Innenraum. An den Aussenseiten des Geländers sind Spiegel angebracht, die alles um sie herum einsammeln und verzerren. Viele sind dort, einige sind ins Gespräch mit ihren Begleitern vertieft. Andere lehnen sich vereinzelt oder zu zweit über die Balustrade, stehen herum oder suchen ein Bild. Genau können wir es nicht fassen. Das hier ist eine Fotografie.

Markierungen aus schwarzer Wolle sind angebracht. Sie werden zu Figuren, zu

dunklen, menschlichen Gestalten. Wir können sie nicht erkennen, aber es scheint, als würden sie uns anblicken. Gleichzeitig entziehen sie sich im Schwarz der Wolle der Spiegelung. Sie verbieten es, die Erwartung eines menschlichen Gegenübers auf sie zu übertragen. Wir können unsere Vorstellungen nicht wiederfinden. Umgeben von Spiegeln verweigern diese Figuren auf doppelte Weise eine Spiegelung und sie verwandeln den Raum ins Unheimliche:

Das Schwarz wirft alle Projektionen auf uns zurück. Der anscheinend vertraute Raum entfaltet einen unbekannten Ort. Wie sollen wir uns dort zurechtfinden, da sich uns kein Subjekt als Orientierungspunkt anbietet? Trotzdem sieht es so aus, als seien einige dort und lediglich mit schwarzer Wolle zugedeckt. Oder weggestickt, erfun­den, nie dagewesen? Wer weiss das schon gewiss?

Die Grenze zwischen der harten Materialität der Fotografie und deren Widerspiel in der weichen schwarzen Wolle löst sich auf. Dennoch scheinen die schwarzen Gestalten eine Begegnung zu versprechen ?] aber sie sind ausserhalb der Spiegel.

Plötzlich sehen wir den Raum und nicht die Spiegel, und sehen, wie sich alles verbindet und verstrickt, bis wir schliesslich in einem unmöglichen, virtuellen Ganzen gelandet sind.

Doch nur für einen Augenblick. Denn die verzerrte Spiegelung lässt keinen Zweifel daran, dass diese erkennbaren Gesichter nur eine Illusion der Lichtstrahlen sind. Sicher an einem Ort ver­ankert sind nur die dunklen Figuren, die sich uns entziehen.

Auf einmal begreift der Blick sie als Mahnende in einem allegorischen Theater,

als Repräsentanten eines Gesetzes des Realen, welches die Fehlbarkeit der Einbildungskraft verkündet. Aufgrund der Wolle entpuppt sich der abgebildete Raum als echte Simulation, setzt also das Illusionsspiel der Abbildung in Gang und entzieht sich ihm zugleich.

Damit werden wir auf uns zurückgeworfen und erkennen unseren Wunsch, das Bild des Anderen möge unsere Selbstwahrnehmung festigen. Wir begreifen aber auch, wie unmöglich dieses Unterfangen ist. Dunkel blicken die Anderen uns an. Zu dem geworden, was wir uns heimlich wünschen: ein leerer Fleck, auf den alles projiziert werden könnte und der letztlich diesen Phantasievorgang vereitelt. Wie Reste, die übrigbleiben nach einem bedeutsamen Schnitt, der das Subjekt von einem früheren Zustand mangelnder Erkenntnis trennt, verweisen diese dunklen Menschen auf jenen trau­matischen Kern. Den Kern, der jedem Versuch innewohnt, ein in sich schlüssiges Bild eines Ereig­nisses oder eines Raumes herzustellen. Das Verlangen, sich der umgebenden materiellen Phänomene durch eine imaginäre Umgestaltung zu bemächtigen, verlockt und verweist zugleich auf die schei­ternde Bemühung, die Welt kohärent wiederzugeben.

In der Inszenierung mit Wolle wird sichtbar, was Bilder sein können: künstliche Umgestaltungen und Material für den Blick, damit die widersprüchliche Phänomenalität unserer Welt erscheinen kann. Es ist nicht der Mangel oder Verlust einer unmittelbaren Nähe zu den Dingen, der uns begehren und stets nach der Spiegelung im Anderen suchen Lässt. Eher begeben wir uns in die scheinbare Sicherheit, die das deutlich erkennbare Bild des Anderen verspricht, aufgrund des Wissens, der Nähe der uns fremden Materie nicht entkommen zu können, diese Nähe auch nicht bändigen zu kön­nen, indem wir sie in Figuren übersetzen, die uns spiegeln.

Die Nähe bleibt ein Fremdkörper, eine gefüllte Lücke: ein schwarzer Körper, dem wir nicht ausweichen können, und der sich im Bild hartnäckig entzieht. Die wolligen Körper verankern uns im Funkeln des durch Spiegelung gebrochenen Lichts, im schönen Schein der verzerrten Abbildungen. So störend und unheimlich diese schwarzen Flecken wirken, so vertraut werden sie, lässt man sich auf die unlösbaren Widersprüche ein, die sie zum Ausdruck bringen.

Dann strahlt der Raum ?] der fremd wirkt, solange man sich in ihm zurechtfinden will ?] ein geheimes, altvertrautes Wissen aus, und unser umherschweifender Blick kann an einem Punkt verweilen.

Die Illusion, sich im Anderen zu spiegeln, wird hier nicht aufrechterhalten. Vielmehr wird es möglich, dem oder der Anderen als das Andere zu begegnen, als einem Gegenüber, das aus dem Spiegel gefallen ist. Im Schwarz lösen sich alle Bilder auf. Zugleich werden sie sichtbar, sowie die unmögliche Begegnung im Spiegel zeigen kann, was eine Begegnung mit dem Anderen zulässt.

ELISABETH BRONFEN
(s.a. in: Marion Strunk, Wolle 2 / embroidered images, MEMORY/CAGE EDITIONS, Zürich

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