Marion Strunk
Artemisia, ein Film von Agnès Merlet
Alle wissen es: Der Film ist ein fiktionales Medium. Niemand wird
mit dem Geschichtsbuch im Dunkeln sitzen und die Bilder von der
Leinwand auf die Waage der Gewissheit legen. Nur im Film sehen wir den
Kinobesucher von seinem Platz aufspringen, nach vorne laufen zu der Schönen
in der Badewanne, sich auf die Zehen-
spitzen stellen, ins Wasser schauen, als wolle er hineingreifen,
oder den Helden von der Leinwand springen, aus dem Film heraus direkt
auf die erschrockene, aber sehnsüchtige Kinobesucherin zu, vielleicht
werden seine Finger ihre Brust berühren, vorsichtig oder auch nicht;
dann hätten wir das Tapp- und Tastkino, zum Anfassen nah. Da dies aber
nicht so ist, wir also Bilder sehen und die Leinwand vergessen, fragen wir:
Was erzählt uns ein Film, der Autor oder die Autorin?
Agnès Merlet, eine sogenannte junge Regisseurin (zwei Spiel- filme),
stellt uns eine junge Frau vor, die sie Artemisia nennt. Der Name für
eine Freundin, eine Frau, eine Verliebte, eine
Malerin, für den Titel ihres Films. Eigentlich heisst sie
Artemisia Gentileschi, eine Künstlerin, die heute als erste weibliche
Malerin der Kunstgeschichte gilt, die grosse Malerin
des Barock, in den 70er Jahren von Kunsthistorikerinnen wieder-
entdeckt, eine beinahe verlorengegangene, obwohl in ihrer Zeit
berühmte Künstlerin, und als Vor-Bild für viele Künstlerinnen
gesetzt, die ihre Tradition mit der Lupe suchen mussten.
Merlet zeigt Artemisia als selbstbewusste Tochter des Meisters
Orazio Gentileschi. Sie ist begabt und "malt wie ein Mann",
eine starke Frau, die genau weiss, was sie will: malen. Fleissig und
obsessionell. Ihr Körper ist das Objekt der Beobachtung. Im Spiegel.
Die genaue Beobachtung der Natur in ihrer höchsten Form: Der männliche
Akt ist der Malerin verwehrt, wie es die Historie überliefert, Künstlerinnen
die Ausbildung an der Akademie untersagt.
Wie kann eine junge Frau dennoch diese Studien machen, will sie
eine Künstlerin werden, die "für sich" malt? Für
einen Kuss.
Ein schöner junger Fischer wird ihr Modell, und sie zeichnet auch
sein Geschlecht. Ohne Scham. Der verbotene Blick ist kein be-
gehrlicher, was niemand verstehen will. Es scheint, Artemisia weiss nicht
was sie tut, sie weiss nicht, wie die Patronen thronen. Ihr Vater ist anders.
Er fördert sie, er ist ihr
Lehrer. Bis Tassi kommt. Agostino Tassi. Erneuerer der Kunst und Verführer
von Artemisia. Mit ihm wird es hell im Film: Das
Meer rauscht und treibt seine Wellen durcheinander. Sein Atelier
ist am Strand, im Freien. Und er ist der künstlerische Rivale
des Vaters, dann auch der private: Er begehrt die junge Frau. Als
Künstlerin sieht er sie erst spät, er will die Frau. Und Artemi-
sia will es auch. Ihre Körper werden Objekte der Begierde. Gegen
das dunkle Atelier des Vaters, in dem die Menschen aussehen wie
auf den Bildern des Meisters, öffnet sich die Landschaft. Das
Licht. Tassi. Er lehrt Artemisia die Dinge und die Landschaft
durch das Liniengitter sehen, die Perspektive studieren: das Neue in
der Malerei. Die unwissende, unaufgeklärte, junge Frau, die
Pubertierende (einige angeschminkte Pickel belegen es) erfährt
Sexualität nach einem ersten rauhen Ruck als romantische Verklärung
und grosses Versprechen der Liebe und auch als schönes Spiel: Er ist
Holofernes, sie Judith. Modelle für ein Bild. Für das berühmte
Bild von Artemisia Gentileschi, in dem sie dieses oftgemalte alttestamentarische
Thema anders aufwirft: Judith ist nicht die lustmörderische Bestie
(wie bei Donatello, Johann Liss, Andrea Mantegna u.a.), ihre Gewalt ist
Schwerstarbeit und nur mit Hilfe der Magd möglich: Sie muss Holofernes
töten, um Bethunien zu retten. Wie der Mythos erzählt, zeigt sie
die Tötung als Opferung für die Rettung, die böse Tat für
etwas Gutes. Im Film ist die schlechte Kopie dieses Bildes Anlass, die Künstlerin
bei der Arbeit zu zeigen, in dem sie über die Blutspritzer pinselt,
und wird später Beweis vor Gericht für ihre sündhaften Erfahrung
mit dem männlichen Körper: dem nackten Körper von Tassi.
Die Regisseurin zeigt einen Tassi, der zum Liebenden wird, denn
er wird schliesslich als einziger verstehen, dass die grauenhafteste
Demütigung für eine Malerin das Brechen ihrer Mittel ist: der
Hände. Die Fingerfolter droht ihre Hände zu
zerstören. Er wird zum Retter durch Selbstanklage und geht freiwillig
ins Gefängnis. Der Vater wird das Böse, dann die Richter und der
Prozess. Später wird er ihre Wunden küssen wollen. Das Blut an
ihren Händen. Die Einstellung, der Schnitt führen die blutigen
Hände in Erinnerung, die sie hatte, nachdem Tassi sie eroberte. Der
Vater verliert. Artemisia geht. Mit dem Liniengitter in den gefolterten
Händen wiederholt sie die Worte des Geliebten, der durch ein anderes
Gitter sehen muss. Mit geschlossenen Augen malen. Sie schreitet die Landschaft
ab für ein Bild. Für den Rahmen. Sie schaut aufs Meer. Die Augen.
Sie weint, ohne es zu wissen. Das Meer. Die Freiheit. Zum Schluss noch einige
Spots auf Bilder von Artemisia Gentileschi, das heisst genaugenommen auf
die Kopien. Schlechte Kopien.
Sehen wir uns die Originale von Artemisia Gentileschi an.
In Florenz.
veröffentlicht: WOZ, 9.1.98, Zürich